Kurz vor Wochenende habe ich Vorstellungen von einer Filmsequenz, die ich umsetzen möchte: Goldgelbe Getreidefelder, tiefliegende Abendsonne, dröhnende Mähdrescher. Etwa so, wie es die norddeutschen Agrarfilmer machen. Einfach ohne Windräder, dafür etwas hügeliger und kleiner. Aber auch mit untergehender Sonne. Doch es kommt anders.
Es ist Freitagnachmittag. Die Landwirte und Lohnunternehmer sind auf Nadeln. Eine Regenfront in den nächsten 24 Stunden könnte ihre Weizenernte beeinträchtigen. Bei mir liegt gerade ein Online-Meeting mit einem Kunden aus der Landmaschinenbranche für ein Filmprojekt an. Auf meine Frage, ob irgendwo im Mittelland ein schöner Mähdrescher an der Arbeit ist, helfen sie mir weiter.
Hügellandschaft oder Flachland?
Ich habe die Wahl zwischen einem Hangmähdrescher im Oberaargau oder einem konventionellen in Wängi. Für Abendsonne-Shots entscheide ich mich fürs Flachland. Aber am Freitagabend durch Zürich fahren? – Das ist nicht so mein Ding. Ich werde sofort aufgeklärt: Nein, nicht Wängi im Thurgau ist gemeint, sondern Wengi bei Büren im Bernischen. Ein 16 Hektaren grosses Feld soll dort abgeräumt werden. Die Wetterprognosen stimmen mich zuversichtlich. Ich bin dabei.
Ich habe Vorstellungen, wie der Filmclip am Schluss aussehen soll.
Bei der Hinfahrt zum Drehort schwelgen meine Vorstellungen im Aussehen des fertigen Videoclips. Kontrastreiche, warme, atmosphärische Bilder mit untergehender Sonne von der Jurasüdseite her und mit einem in Staubwolken gehüllten neuen Drescher in einem Weizenfeld. Dazu setze ich später im Filmschnitt die Aufnahmen in Zeitlupe und untermale den Clip mit einem sphärischen Sound und Obertongesang. In der Art wie im Song «Now we are free» aus Gladiator 1, aber etwas ruhiger und weniger dramatisch. Ich bin zuversichtlich.
Ich bin später dran, als mir lieb ist.
Ich komme am Drehort gegen 19 Uhr 45 an. Es gab viel Verkehr auf der Autobahn A1 in Richtung Bern trotz Ferienzeit. Ich bin später dran als mir lieb ist. Die 16 Hektaren sind gedroschen. Die Erntemaschine ist auf einem kleineren Feld unterwegs. Dieses befindet sich schon ordentlich im Schatten eines leichten Hanges auf dessen Anhöhe sich ein Mischwald befindet. Dahinter die Jurakette und knapp darüber die Sonne mit ihrer fast vollen Strahlkraft. In etwa einer Stunde geht sie unter. Also das mit der flach liegenden Sonne kann ich hier schon mal vergessen.
Ich ziehe die Drohne hoch und bewege sie in Richtung Drescher. Das Gelb der Maschine deckt sich gut mit der Farbe des Weizenfeldes. Das ist stimmig. Selbst die Landmaschinen am Feldrand sind gelb gefärbt. Ich setze meine Luftkamera ins erste Gegenlicht der Maschine. Nicht mal so übel. Der Kontrast ist schön, die Silhouette des für mich imposanten Dreschers passt und die Staubwolken geben Tiefe ins Bild. Die ersten fünf Einstellungen stellen mich zufrieden. Ich schaue konzentriert auf den Monitor der Steuerung.
Das Maximale herausholen.
Aber wo sind jetzt die schönen Kontraste geblieben? Alles wirkt plötzlich matt und fade. Schleierwolken haben sich über die Sonne gezogen. Ich seufze. An dieser Stelle kommt jeweils mein Standardsatz für solche Fälle (Inzwischen haben sich einige Neugierige um mich versammelt und schauen in den Monitor): Als professioneller Videograf hole ich aus jeder Situation das Maximale heraus….und seufze nochmals. Hier das Resultat:
Das Feld ist abgeräumt. Raphael, der Fahrer, kommt auf mich zu und fragt, ob ich zum nächsten Feld mitkommen wolle. Es würde aber schon etwa 20 Minuten Fahrt bedeuten. Ich schaue gegen Süden. Ein Dorf wird auf der Anhöhe von der Abendsonne beschienen. Es ist umgeben von gelb-grün schimmernden Landwirtschaftsflächen. Vielleicht geht es ja in diese Richtung. Ich stimme zu.
Die Schattenseite verlassen.
Und tatsächlich verlassen wir das leicht gewölbte Tal und dessen Schattenseite. Ich fahre dem Drescher nach. Über Grossaffoltern geht es nach Ammerzwil. Auf der Anhöhe dann die Erleichterung und Ernüchterung zugleich: Der Drescher wird von der Sonne wunderschön beschienen. Gerade so, wie ich es mir es vorgestellt habe. Dann geht meine Lichtquelle hinter dem Jura unter.

Die Nachtdämmerung bringt Licht ins Filmerherz.
Die Nachtdämmerung kommt auf. Raphael bringt seine Maschine unterhalb eines leichten Hügels zu stehen und koppelt den Mähbalken, den er hinter dem Drescher herzog, an. Er beginnt mit Dreschen. Ein ordentliches Weizenfeld von etwa 3 Hektaren mit schwachem Gefälle gegen Süden abgeneigt, auf einer Anhöhe gelegen. Gute Rundumsicht. Und noch besser: Das Dämmerlicht mit dünnen Schleierwolken durchzogen wird zu einem Hingucker! Der Himmel färbt sich orange-blau.
Sofort rufe ich Raphael an: «Bitte alle Scheinwerfer einschalten!» «Kein Problem» antwortet mir der Ernteprofi, welcher schon seit Geburt Drescher fährt, wie er mir später verrät. Die Bilder, die ich jetzt erhalte, lösen eine tiefe Befriedigung aus. Es stimmt einfach alles. Das Licht, die Maschine, das Feld und die Umgebung. Ich bin im Bilderhimmel…. Das Resultat siehst du oben.
Fazit
Meine Erkenntnis von diesem Abend: Wenn die goldene Stunde dich verschaukelt hat halte durch bis zur blauen, diese kann fürs Filmbild und dein Gemüt Wunder bewirken….
Kamera, Schnitt und Text: Markus Gehrig